Freunde verlassen ist schwerer als Feinde zu küssen
2017 ist da und wie zu jedem Jahreswechsel sind gute Vorsätze und Veränderungen ein großes Thema. Man kann von Neujahrsvorsätzen nun halten was man will, für mich als angehenden Psychotherapeut sind Veränderungen und Gewohnheiten immer ein Thema.
Aus diesem Grund möchte ich kurz eine interessante Studie aus dem November 2016 vorstellen. Jeder weiß, dass wir Gewohnheitstiere sind und dass es grundsätzlich schwer ist starke Angewohnheiten los zu werden um neue Rituale aufzubauen.
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| Ständiges Nutzen des Handys |
Zum besseren Verständnis klären wir vorab eine Grundlage menschlichen Handelns. Stark vereinfacht kann man davon ausgehen, dass der Mensch zwei grundlegende Verhaltensmodi besitzt: "Will ich" (Annäherung) und "Will ich nicht" (Vermeidung). Wenn wir nun Dinge, die wir mögen immer wieder tun, bildet sich daraus eine Annäherungsgewohnheit. Ein Beispiel wäre der Griff zum Handy sobald auch nur ein Hauch von Langeweile aufkommt. Die Verbreitung dieser Gewohnheit kann man sehr schön in öffentlich Verkehrsmitteln oder leider auch bei mir persönlich beobachten. Hier sieht man schon, dass Annäherungsgewohnheiten nicht unbedingt nur positiv sein müssen. Die negativen Folgen von unbedachtem Handykonsum reichen für eine eigene Blogreihe aus. Ein anderes, etwas positiveres Beispiel wäre das morgendliche Zähne putzen. Dies ist sowieso ein erstaunliches Beispiel für die Macht der Gewohnheit. Menschen, die kaum die Augen öffnen können, sind dennoch in der Lage eine nervige Reinigungstätigkeit hinter sich zu bringen. Jeder, der sich an seine eigene Kindheit erinnert oder selbst Kinder hat, wird wissen, dass es einige Zeit braucht diese Gewohnheit zu etablieren.
Das Gegenteil hierzu sind Vermeidungsgewohnheiten, sie können beispielsweise jegliche Form von Aufschieben sein. Mir fallen hier spontan Dinge wie der Besuch beim Arzt, das Gespräch mit dem Chef oder das Liegenlassen der Steuererklärung ein.
Nun die Frage an dich: Was ist schwerer? Das Handy nicht mit auf die Toilette zu nehmen (Aufgeben einer Annäherungsgewohnheit) oder endlich unangenehmen Pflichten nachzukommen (Aufgeben von Vermeidungsgewohnheiten).
Die Antwort auf die Frage kann man an der Überschrift des Posts schon sehen.
Kuhbandner konnte in seiner Studie beobachten, dass es den Probanden leichter fiel Rückzugsverhalten durch Annäherungsverhalten zu ersetzen, statt einer Annäherungsgewohnheit plötzlich nicht mehr nachzugehen. Bei letzterem fielen die Probanden deutlich häufiger in ihre ursprüngliche Gewohnheit zurück.
Eine mögliche Erklärung wäre, dass Menschen Annäherungsgewohnheiten sehr viel schneller aufbauen können als Vermeidungsgewohnheiten. Deshalb geht Kuhbandner davon aus, dass es schwerer ist entsprechende Annäherungsimpulse gezielt zu kontrollieren.
Übertragen auf den Alltag könnte das eine Erklärung dafür sein, wieso es sehr viel leichter ist mit dem Rauchen anzufangen, als es wieder aufzugeben.
Für die psychotherapeutische Arbeit bedeutet das allerdings, dass es wichtiger wäre hinderlichen Annäherungsgewohnheiten mehr Aufmerksamkeit zu widmen, um diese abbauen zu können, statt sich wie bisher hauptsächlich auf problematische Vermeidungsgewohnheiten zu konzentrieren.
Kuhbandner selbst zieht ein noch bedeutenderes Fazit aus seiner Studie.
„Ein bekannter Bibelspruch lautet ja: ‚Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen‘. Genau das wäre ja die Durchbrechung einer Vermeidungsgewohnheit. Unsere Befunde legen nahe, dass uns eine solche Art der Gewohnheitsveränderung doch leichter fällt als intuitiv vermutet.“ - Christof Kuhbandner
Gleichzeitig wäre es sehr pathetisch jetzt uneingeschränkte Feindesliebe zu predigen. Doch vielleicht kann diese Studie dazu anregen die eigenen Gewohnheiten genauer anzuschauen.
Welche Vermeidungsgewohnheiten behindern dich? Wenn du es schaffst den ersten Schritt zu tun, hast du gute Chancen diese langfristig zu durchbrechen.
Wo haben sich in deinem Leben unvorteilhafte Annäherungsgewohnheiten eingeschlichen? Würde es sich lohnen mehr Kraft und Aufmerksamkeit aufzuwenden diese abzubauen?
Obwohl es schwer fällt, lasse ich das Handy jetzt häufiger bewusst liegen.
In diesem Sinne. Alles Gute für das Jahr 2017!
Studie bei Psycnet
DGPs: Die Macht der Gewohnheiten: Vermeidungsverhalten lässt sich leichter ändern als Annäherungsverhalten


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