Blut auf Steine schmieren ist Kunst

03. Februar bis 06. Februar

Die gleiche Strecke, die wir nach Lampart's Bay gekommen sind, geht es zurück nach Clanwilliam. Die Gegend rund um die Stadt lebt vom Rooibosanbau. Nur hier gedeiht der Rotbusch und wird in die ganze Welt exportiert. Man sagt uns, dass Anbauversuche in anderen Regionen der Erde bisher nicht erfolgreich gewesen seien. Bei Rooibos Ldt. decken wir uns günstig mit Tee ein. Dann geht es wieder zurück in die Cederberge. Wir finden bald einen tollen Campingplatz (De Pakhuys) und verbringen einen gemütlichen Nachmittag in der Hängematte. Nachdem ich mich ein wenig erholt habe, ziehe ich allein, nur mit der Kamera bewaffnet los, um die Gegend zu erkunden. Einer der Trampelpfade führt mich durch die wunderschöne Felslandschaft an einen kleinen, einsamen Wasserfall.
Badezimmer im DePakhuys Camp
Trampelpfad zum Wasserfall
Idyllischer Wasserfall
Hier lässt es sich selbst in der Hitze aushalten
Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, um vor der Mittagshitze den Sevilla Rock-Art Trail zu gehen. Schon vor 27.000 Jahren haben hier Menschen gelebt und auf den Felswänden ihr Leben dokumentiert. Ein etwa 5km langer Wanderweg führt durch die schöne, felsige Landschaft an neun Stellen, wo die Malereien bis heute zu sehen sind. Also schlüpfen Kerstin und ich in unsere Fivefingers (Zehenschuhe, die fast wie barfuß laufen sind) und ziehen mit meinen Eltern los.
Auf dem Weg entdecken wir eine große Antilopenherde, die aber schnell Reißaus nimmt, als wir näher kommen. Die Zeichnungen zeigen teilweise klar erkennbare Szenen. Tiere sind beispielsweise selbst für uns Laien gut als Zebra, Elefant oder Antilope zu identifizieren. An anderer Stelle finden wir Bilder von Frauen beim Tanz, allerdings mit sehr sonderbaren Proportionen. Kleine Köpfe, klöppelartige Brüste, ewig lange Oberkörper und seltsam überdimensionierte Hintern und Beine. Wieder andere Zeichnungen erinnern mehr an Dinosaurier oder Monster. 

Sevilla Rock-Art Trail

Was ist das?

Die Frauen früher wären nicht mein Typ gewesen
Über die „Old Cape Road“-Piste fahren wir weiter durch die beeindruckende Landschaft der Cederberge. Streckenweise wird das Grün immer wieder von einem tiefen Schwarz unterbrochen. Auch hier ist es sehr trocken und daher kommt es häufig zu Flächenbränden. Auch in der Gegend um Sanddrif, wo wir unser Lager aufschlagen, muss es vor nicht all zu langer Zeit gebrannt haben.
Die Natur kommt nach dem Feuer zurück
Besonders deutlich können wir das am nächsten Morgen sehen. Wir unternehmen eine kleine Wanderung zum Maalgrat. Das Maalgrat ist eine Felsschlucht in die der kleine Fluss, Matjes, einen natürlichen Pool gegraben hat. Einige andere Camper erzählten, dass man unbedingt dort hin müsse. Und ja sie haben recht. Es wäre schade gewesen, wenn wir das verpasst hätten. Zwischen den Felsen tut sich ein tiefes Becken auf und als wir ankommen sind schon einige Badegäste dort. Von den umliegenden Felsen kann man in den Pool springen. Teilweise ragen sie mehr als 10m in die Höhe. Vom ersten Moment an ist mir klar, dass ich auch springen möchte. Doch ich habe Schiss. Wo springe ich am besten hin? Was wenn das Wasser nicht tief genug ist? Sich hier bei so einem Unsinn zu verletzen wäre unnötig. Erst nachdem ein erfahrener Südafrikaner vom höchsten Felsen springt, mache ich es nach.
Mein Sprung von der hohen Klippe
Wie so oft verläuft der Sprung ohne Probleme. Erst beim Rausklettern rutsche ich am glatten, feuchten Felsen ab und stürze 1,5m nach unten. Ich schramme mir die linke Hand und den linken Arm auf und nach einem dumpfen Klatschen sitze ich ungewollt auf dem untersten Felsvorsprung. Cool will ich wieder aufspringen, als ob nichts passiert wäre, doch mein Arm tut verdammt weh. Mir wird übel. Ich bleibe erstmal sitzen. Wenn ich mich jetzt übergeben muss, werden die anderen Badegäste mich hassen. Die nächsten 10 Minuten harre ich auf meinem Felsen aus und warte ab wie mein Körper weiter reagiert, dann wird der Drang mich zu übergeben langsam weniger. Vorsichtig nehme ich die verhängnisvolle Router erneut in Angriff. Diesmal ganz langsam und Schritt für Schritt. Hätte ich das beim ersten Mal schon so gemacht, wären mir eine Menge Schmerzen erspart geblieben. Als ich zu den Anderen komme schauen sie mich alle besorgt an. Scheinbar wirke ich nicht so gelassen und cool wie ich gedacht hatte. Wir gehen durch die verbrannte Landschaft zurück zum Auto, mein Arm baumelt in Schonhaltung wie fremd neben mir. Ob etwas gebrochen sein könnte, wollen meine Eltern wissen. Um sie zu beruhigen verneine ich mit möglichst klarer Stimme, sicher bin ich mir aber nicht.



Kerstin steigt heute hinter das Steuer, um mich zu entlasten. Die Tagesetappe über die P1487 nach Op die Berg (das heißt wirklich so) verlangt ihr einiges ab. Sie fährt die erste Passstraße ihres Lebens und dann gleich einen der anspruchsvolleren. Auch auf der Schotterpiste bringt sie uns beide sicher ins Tal. Trotz zweitem Gang bergab stinken die Bremsen. Den Rest des Tages geht es durch wunderschöne Landschaft über Ceres nach Tulbagh.
Die Landschaft der Cederberge
Kerstins erste Passstraße
Unser neues Heim ;)

Unser Stellplatz bei Vasek
Tulbagh liegt in einer malerischen Berglandschaft und ist bekannt für seine alten reedgedeckten Häuser. Am späten Sonntag Nachmittag wirkt die Stadt wie ausgestorben. Vergeblich suchen wir einen Übernachtungsplatz. Bei zwei Campingplätze, die wir anfahren, stehen wir vor verschlossenen Toren. Man sagt uns dass der eine seit etwa 3 Jahren geschlossen sei. Es wird spät und wir wollen ungern in die vorhergehende Stadt zurück. Kurzerhand quatscht Heinz einen alten Herrn an, der mit seinem Hund am Straßenrand steht, ob wir bei ihm über Nacht stehen dürften. "Klar kein Problem, es gibt genügend Platz." Antwortet er freundlich auf deutsch. Er wirkt extrem ausgeglichen und entspannt, fast unnatürlich gelassen. Seine Blick ist verträumt, aber hellwach und aufmerksam. Lange graue Haare umrahmen ein sonnengebräuntes Gesicht mit tiefen Falten. Nach dem Abendessen gesellt er sich kurz zu uns und erzählt, dass er in den 70iger Jahren aus Prag geflohen sei. Anschließend habe er 6 Jahre in Deutschland verbracht und lebe nun schon seit fast 40 Jahren in Südafrika. Hier in den Bergen rund um Tulbagh sei er glücklich und zufrieden. Die traumhafte Landschaft liefere ihm die nötige Ruhe, Freiheit und Inspiration für seine Arbeit als Künstler. Es dämmert und kurze Zeit später verabschiedet sich Vasek. Der untergehenden Sonne entgegen schlendert er über die Wiese zu seinem Häuschen unter den Bäumen zurück. Die Hände lässig in den Hosentaschen. Sein Hund trottet neben ihm. Selbst als Kunstbanause kann ich in diesem Moment verstehen, was er mit Inspiration meinte.
Heinz und Petra in Tulbaghs bestem Freiluftrestaurant

In Vaseks Garten
Am nächsten Morgen besuchen wir Vasek, um uns zu bedanken und zu verabschieden. Voller Stolz zeigt er uns sein kleines Reich. Sein Häuschen liegt in Mitten eines gepflegten Gartens. Alles ist durchdacht angelegt ohne künstlich zu wirken. Danach bietet er uns an seine Werkstadt zu besichtigen. Bis zu diesem Moment hält ein kleiner, aber hartnäckiger Anteil in mir Vasek noch immer für einen Spinner: "Künstler, pah dass ich nicht lache." Doch auch dieser Anteil verstummt, als ich sein Atelier betrete. Die Scheune ist eine perfekt eingerichtete Künstlerwerkstatt. Die wenigen ausgestellten Werke sind sogar für mich beeindruckend. Der Großteil seiner Arbeit wird zur Zeit in Kapstadt ausgestellt. Er erzählt, dass 80% der Ausstellungsstücke am Eröffnungstag verkauft worden seinen und wirkt dabei seltsam gleichgültig. Ich bin tief beeindruckt von diesem Mann. Er scheint vollkommen in sich zu ruhen und seine Passion zu leben. Das wenige was er besitzt ist alles was er braucht, obwohl seine Werke genug einbringen, um ein anspruchsvolleres Leben zu führen. Vasek Matousek zeigt mir, dass man ein glückliches Leben nur in sich selbst finden kann. Hat man es gefunden sind die äußeren Umstände fast egal. Gern hätte ich Vaseks Leben noch besser kennen gelernt, doch wir wollen weiter. Vasek hinterlässt bei uns allen einen besonderen Eindruck und die Gedanken an ihn und sein Leben begleiten uns durch die Weinberge Südafrikas. Wir fahren an diesem Tag noch 120km bis Stellenbosch, wo wir zwei ruhige Tage im Mountain Breeze Camp verbringen.



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